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Über die Kunst der Orgelimprovisation . . . (Only German text) |
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Kleine geschichtliche Einführung Über die wirkliche Entstehung der Kunst der Orgelimprovisation in vielen komplexen kleinen Schritten innerhalb eines kompakten Aufsatzes zu referieren, sprengt hier den Rahmen – dazu seien Aufsätze, Buch- und Zeitschriftenbeiträge zu diesem Thema von Hans Haselböck empfohlen. Hier erfolgt nur eine äußerst knappe Zusammenfassung: Die Anfänge der Orgelimprovisation sind die Anfänge der Orgelliteratur; man kann sogar – fast provokativ – behaupten: die Anfänge der Orgelimprovisation und somit Orgelliteratur sind aus purer Langeweile entstanden; bei der so genannten Alternatim-Praxis, während der Chor- oder Scholahälften abwechselnd musizierten, wurde bspw. irgendwann jedes zweite zu singende Verspaar durch ein knappes Orgelzwischenspiel ersetzt, um Eintönigkeit zu vermeiden und Abwechslung „ins Spiel zu bringen“; dies galt in größeren Kirchen, die über eine Orgel verfügten, für Stundengebetsformen und Messen. Aus dieser Improvisierpraxis sind später Suitenkompositionen über gregorianische Messen, Hymnen und Antiphonen sowie choralfreie Intonationen entstanden. Schon dort – dies gilt bis heute für die gesamte Improvisierpraxis und auch Orgelliteratur – war eine frühe Trennung zwischen choralgebundenen (A) und (choral-)freien (B) Werken bzw. Improvisationen zu erkennen. Gruppe B spaltete sich später in choralgebundene Werke zu gregorianischen Themen sowie Werke zu Chorälen. Das (mehr oder weniger kunstvolle und mehr oder weniger kurze bzw. lange) Choralvorspiel und die Choralpartita (Variationsreihe über einen Choral) bildete später – etwa ab der 2.Hälfte des 17. Jahrhunderts – einen wesentlichen Bestandteil der Improvisier- und Komponierpraxis für Orgel. Über Orgelimprovisation im 18.Jahrhundert ist wenig bekannt; das Orgelschaffen zeigt, zwar ausgehend vom „galanten Stil“ (Bach-Söhne), so doch aber später eher eine gewisse Phase der Dekadenz (Opern- und Balletttranskriptionen für Orgel usw.), während im 19.Jahrhundert die Kunst des Improvisierens wieder an Wert gewann und eigenständig gepflegt wurde. Ausgehend von der sog. Deutschen Romantik und den „Transport“ Adolph Friedrich Hesses dieser Kunst nach Belgien und Frankreich, bildete sich dort (Lemmens – Widor – Franck – Vierne – Dupré – Messiaen – Langlais – Tournemire u.v.a.) eine große französische Tradition des Improvisierens; Titanen auf dem Gebiet waren zweifelsohne Marcel Dupré und der etwas weniger bekannte und berühmte Charles Tournemire. Bis in die heutige Zeit hinein (Roth, Guillou, Escaich, Blanc u.v.a.) besteht die französische und auch deutsche (Lehrndorfer, Seifen u.a.) Tradition und Pflege der Orgelimprovisation fort und wird nach einer Neubelebung, die in Deutschland viel später als in Frankreich erfolgte (nämlich erst seit wenigen Jahrzehnten) wieder mit Begeisterung gepflegt und zelebriert. Die Orgel ist das einzige Instrument, auf dem innerhalb der so genannten „ernsten Musik“ noch improvisiert wird – während Gottesdienstformen und Andachten und ggf. auch bei Konzerten; ansonsten lebt diese Kunst weitestgehend nur in der Unterhaltungsmusik und dem Jazz fort, während in der Barockzeit auf allen Tasteninstrumenten und während des 19.Jahrhunderts auch auf dem Klavier (Liszt) improvisiert wurde. Wozu Improvisation ? Das Improvisieren mit Fingerspitzengefühl für und Liebe zur Liturgie im Kontext der kirchenjahresgemäßen Position der jeweiligen Gelegenheit ist heutzutage ein unverzichtbarer und sehr wichtiger Bestandteil aller Gottesdienstformen. Nach der Weisung des II. Vatikanums ist die Kirchenmusik nicht nur Kleid, sondern Leib der Liturgie. Sicherlich werden jedwede Gottesdienste durch Chor- und Instrumentalmusik auf noch höhere Ebenen gestellt; Liturgisches Orgelspiel ist allerdings bei fast jedem einzelnen Gottesdienst gefragt (auch werktags !), eben bei den vielen Gelegenheiten, bei denen kein Chor und kein Ensemble zur Verfügung stehen. Von der Qualität und Sensibilität des gottesdienstlichen Orgelspiels kann – vor allem bei jahrzehntelanger Kontinuität – eine Menge für die Gesamtwirkung der jeweiligen Feier abhängen. Wert und Bedeutung des Orgelspiels im Gottesdienst kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. „Was ist mit Orgelliteratur ?“ Selbstverständlich ist eine gewissenhafte Auswahl wertvoller Orgelliteratur für die Sonn- und Feiertagsgottesdienste von Vorteil; allerdings stellt die Literatur abgesehen von der Position des Nachspiels durch die Tatsache, dass sie zeitlich begrenzt ist, Probleme in den Raum. Wählt man ein Literaturstück für den Beginn / Einzug eines Gottesdienstes, so kann man nicht sicher sein, ob das Stück zu kurz oder zu lang ist. Gleiches gilt für Begleitmusik zur Kommunion / zum Abendmahl. Bei zu langen Stücken ist die nicht immer vorhandene Geduld der Zelebrierenden und der Gemeinde gefragt; bei zu kurzen Stücken entsteht entweder eine ungeplante Stille (die sicher manchmal auch heilsam sein kann, besser aber bewusst geplant und kein Zufallsergebnis sein sollte, zumal manche Zelebrierenden unter dem sog. „Horror vacui“ leiden), oder man improvisiert weiter. Improvisiert man weiter, so könnte man es auch „gleich von vorne herein“ tun. Günstig ist oftmals eine Kombination von einem Literaturstück mit anschließender improvisierter Choralbearbeitung, die zu einem etwaigen Danklied hinführt. Ist jeder „musikalische“ Mensch, der Orgel spielen lernt, auch zum Improvisieren begabt ? Jeder musizierende Mensch ist ein Individuum und wird auf verschiedene Art und Weise unter verschiedenen Umständen an die Musik herangeführt. Die Begabungen für eigenes Kreativ sein, das „Erschaffen“ von Musik sind sehr unterschiedlich, im Kern aber öfter und in größerem Umfang vorhanden, als vorher vermutet wird. Viel hinderlicher als scheinbar mangelnde Begabung sind psychologische Hemmschwellen wie Mutlosigkeit, Einschüchterung, Unschlüssigkeit. Ein weiteres ist das rein zeitliche Problem: Orgelschüler und / oder Kirchenmusikstudenten (und auch Kirchenmusiker selbst) sind oft so lange und intensiv mit dem Erarbeiten eines Orgelstückes beschäftigt, dass sie sich danach anderen Dingen zuwenden. Dabei muss das Improvisieren ebenso geübt, trainiert und reflektiert werden wie das Literaturspiel. Blutleeres Ausführen von etwaigen „L.O.“-Hausaufgaben reichen bei weitem nicht aus; daher ist es wichtig (und dies hängt sehr schwer vom jeweiligen Improvisationslehrer ab), eine gewisse Spiel- und Experimentierfreude, eine Lust und Endeckerneugierde und einiges an Mut zu entwickeln, Hemmschwellen abzubauen, bereit zu sein, Zeit für intensivere Beschäftigung mit Improvisation zu opfern. Zurück zur Frage der Begabung: Aus den beiden letztgenannten Gründen (psychologische und zeitliche Problematiken) erwachsen oft so viele Hinderungsgründe für das Trainieren von Improvisation, dass der wahre „Grad der Begabung“ gar nicht erst herausgefunden werden kann. Nicht zuletzt ist man natürlich – außerhalb vom etwaigen Lehrer und bereits studierter Literaturwerke – von weiteren Inspirationsfaktoren wie z.B. Kirche und Orgel selbst abhängig. So gibt es Kirchenräume und Instrumente, die buchstäblich mehr oder auch weniger zum Improvisieren anregen. Mögliches Curriculum zum Erlernen der Orgelimprovisation – Dieses Thema könnte ein Buch füllen – dies ist auch vielfach schon geschehen – an dieser Stelle können nur die wesentlichsten Kriterien knapp zusammengefasst werden. Oben wurde kurz die Frage der Orgelliteratur angegangen; diese spielt für das Erlernen der Improvisation natürlich eine gewichtige Rolle. Zunächst muss kurz ausgeholt werden anhand einer weiteren Frage, nämlich derjeniger, ob man so genannte „Stilkopien“ (Improvisationen bspw. im Barockstil, romantischen Stil usw.) als eigenständige Improvisationen bezeichnen dürfe oder ob sie nichts weiter als epigonale Abklätsche darstellten, während „wahre Improvisationen“ immer eine eigene Form und Sprache entwickeln sollten. Der Verfasser dieses kleinen Aufsatzes möchte die Frage nach den Stilkopien mit einem eindeutigen „JA“ beantworten, aus mehreren Gründen: erstens, weil ein gut improvisiertes barockes Trio bspw. – obwohl der Stil existiert – so, wie es improvisiert wurde, nie als Noten gegeben hat; zweitens, weil sowieso auch „zeitgenössische“, „moderne“ Improvisationen im Grunde genommen genau so Stilkopien sind wie barocke Improvisationen, da es einfach heutzutage nichts gibt, was es nicht schon gegeben hat, und sei es das Zersplittern von Glas neben der Orgel oder der Einsatz der flachen Hand auf der Orgelbank, seien es die ungewöhnlichsten Registrierungen und Kakophonien – all dies hat es schon genau so gegeben wie die Stilistiken und Formen des Barockzeitalters, allein der zeitliche Abstand zur Vorlage ist kürzer, das Prinzip ist aber gleich. Alle großen Orgelkomponisten waren a) auch Improvisatoren und haben b) dabei an ihre eigenen Vorbilder angeknüpft. Drittens ist die absolute Überzeugung des Verfassers diejenige, dass man die immer wieder postulierte „eigene Sprache“ des „wahren Improvisators“ nur dann finden kann, wenn sie auf einer umfangreichen geistigen und auch handwerklichen Erfahrung der geschichtlichen und epochalen Hintergründe fußt, was heißen soll, dass man eine profunde Kenntnis früherer Stile und Formen – am besten von der Renaissance bis zur Gegenwart – haben sollte, um aus der „Durchlebung“ dieser Hintergründe eine eigene Sprache entwickeln zu können; „man fängt ja auch nicht an, ein Haus zu bauen, indem man mit den Dachziegeln anfängt“ … ! Die Durchdringung der bereits vorhandenen Stile birgt übrigens mehrere Vorteile. Bietet sich einem Improvisation praktizierenden Organisten eine Gelegenheit, ein kostbares historisches Instrument aus dem 17.Jhdt. zu spielen, so wird er mit französisch-symphonischen Improvisationen nicht weit kommen; findet er sich indessen bei einer anderen Gelegenheit an einem deutsch-romantischen, pneumatisch gesteuerten Großinstrument wieder, so sind Improvisationen altitalienischer Toccaten o.ä. deplaziert. Im Übrigen hält der Verfasser Improvisatoren, die in jedweder Stilistik ein wenig zu Hause sind, für weitaus überzeugender, als solche, die aus nichts als ihrer so genannten „eigenen Sprache“ bestehen; auch für die Liturgie kann sensible und feinfühlig betriebene Abwechslung der Stile (alt – klassisch – barock – romantisch – modern etc.) eine Menge Farbigkeit und Abwechslung zur Lebendigkeit beitragen; jeder mögliche Zuhörer wird einer wiederum anderen Epoche – auch als „blutiger Laie“ – geneigt sein, und durch stilistische und formale Vielschichtigkeit hat man eine viel größere Chance, mehrere EINZELNE seiner Zuhörer und Mitfeiernden irgendwo „packen“ zu können. Ganz „platt“ zusammengefasst, erbaut sich der eine besonders an einem Vorspiel im Mozart-Stil, während sich die andere an einer deutsch-romantischen Meditationsmusik erfreut und den dritten ein rauschendes, modernes Finale begeistert. Das Erlernen der bereits vorhandenen, durch die Geschichte der Orgelmusik verlaufenden Stile ergibt sich notwendigerweise aus dem Studium der Orgelliteratur. Zunächst ist dies als „Prinzip“ zu verstehen und, um einer Überforderung zuvorzukommen, auf den Parameter des „Grades“ zu sprechen zu kommen. Bei der gewählten Orgelliteratur als Vorlage sollte nämlich in frühen Stadien, graduell gesehen, leichte bis höchstens mittelschwere Literatur ausgewählt werden. Zu beachten ist demgegenüber, dass der Begriff „Stil“ weit gefasst, elastisch und sehr dehnbar ist; es gibt manchmal mehr „Übergangsstile“ als „reine Stile“, während in anderen Bereichen die Stile enger gefasst und damit besser greifbar sind (wie etwa der altfranzösische Barockstil). Choralgebundene Improvisationen sind anfangs in jedem Falle leichter handzuhaben, weil man den Cantus firmus als etwas verwenden kann, an dem man sich festhalten kann, während man bei den übrigen Parametern (Begleitstimmen, Form etc.) erste Gehversuche macht. Bei choralfreien Improvisationen sind „Haltegriffe“ bspw. bei Ostinato-Techniken zu finden, etwa ein immer gleich bleibendes Pedalmotiv. Die Liedbegleitung als Ausgangspunkt für Improvisationen Ausgangspunkt für die Liedbegleitung ist der Kantionalsatz (Vorlage etwa Cantualien mit Sätzen von Schein, Vulpius, Schütz, Scheidt), ausgeführt als Diskant-c.f. auf einem oder zwei Manualen sowie als Tenor-c.f.; fortführbar im Barockstil in Annäherung an die Choralsätze Bachs, weitergehend etwa im Mendelssohn- und Rheinberger-Stil, im Reger-Stil (op.135a), wonach gemäßigt modernere Stile folgen (Schroeder, Hindemith, Hessenberg o.ä.); leichte Verzierungen und Ausfigurierungen der c.f.-Stimme bei obligaten Sätzen können in jedweder Stilistik erste Choralbearbeitungs-Improvisationen entstehen lassen. Lässt man den Begleitstimmen nach und nach freieren Lauf, so entfernt man sich immer mehr vom strengen Festhalten am Begleitsatz und entwickelt nach und nach eine eigenständigere Form. Die Orgelliteratur als weiteres anregendes Element Ein anderer Weg ist der Blick auf vorhandene Choralbearbeitungen (sehr empfehlenswert als Improvisationsanreger: Choralvorspiele von Pachelbel, Walther (über 250 !), Buxtehude u.a.; in der Romantik etwa „Ritter-Album“, „Dresdener Orgelmusik des 19.Jhdts“, Piutti u.a.; Reger op.79 b (Stufe 1), op.67 (Stufe 2); Schroeder: Meditationen zur Communio, Trilogien zu Chorälen – u.v.m.) und eine daraus entwickelte, daran angelehnte Improvisation. Hierzu ist allerdings schon mehr eigene Kreativität gefordert, etwa im Entwickeln von Ritornellen für Bicinien und Trios. Was nebenbei offensichtlich wird, ist die Tatsache, dass die Literaturauswahl von Orgelwerken als Improvisations-„Anreger“ nicht aus den so genannten „Standard“-Werken, sondern eher aus zwar dem Namen nach , dem Inhalt allerdings eher weniger bekannten Orgelwerken besteht. Hierbei macht man oft die Entdeckung, welche Schätze und Goldgruben in der scheinbar zweitklassigen und/oder leichten bis mittelschweren Orgelliteratur verborgen sind. Ein weiterer Nebeneffekt ist das aus der Beschäftigung mit leichter und mittelschwerer Orgelliteratur hervorgehende Training des Vomblattspiels und, damit verbunden, immer wieder die spannende, interessante und überaus wichtige Frage des Registrierens. Nicht zuletzt ist eine gewisse allgemeine Offenheit gegenüber allen „Angeboten“ aus dem reichen Schatz der Literatur, was nicht bedeuten soll, dass man seine „Lieblinge“ nicht herausfinden und besonderen Neigungen intensiver nachgehen darf. Auch bei diesem Weg gilt es – pädagogisch und, immer damit verbunden, auch psychologisch – graduell gesehen, bei knapp über Null anzufangen oder, je nach Erfahrungsgrad, eine Schwierigkeitsgrad-Dosierung herauszufinden, die fordert, aber nicht über- und auch nicht unterfordert. Nebst Choralbearbeitungen und Partiten bzw. Variationen über Choräle können in frühen Stadien folgende Formen erprobt werden: Praeambel, Fughette, kleiner Kanon, kleine Chaconne, Aria; ebenso freie „Charakterstücke“ geringeren Umfangs. Loslassen und Weitergehen Mit zunehmender Erfahrung und – hoffentlich – zunehmender Freude und Zuversicht am kreativen Musizieren dürfen Schwierigkeitsgrad und Umfang der Improvisationen wachsen und sollte gleichzeitig der Abstand zur Literatur- oder Liedsatzvorlage immer größer werden; die Choralbearbeitungen können zu eigenständigen Kunstwerken mit ausgefeilteren Formen (dies auch durchaus in „moderneren“ Stilen !) werden; ungewöhnliche Kombinationen von verschiedenen Formteilen zu einer größeren Form können ausprobiert werden. Der Verfasser hält allerdings das bloße Vorhandensein einer „Form“ für ausgesprochen wichtig, egal, in welchem Stil man sich bewegt; die Form soll nicht einzwängen und immer noch viel Frei- und Spielraum beinhalten, sie soll lediglich verhindern, dass eine wahl- und ziellose Aneinanderreihung von Einfällen und damit eine planlose, unzusammenhängende Musik entsteht. Größere Formen wären Sätze einer Sonate oder Sinfonie oder das Ausführen einer gesamten Sonate / Sinfonie, Fuge, größere Meditation, längeres Charakterstück, Choralfantasie – in jedwedem Stil. Hat man sich mit diesen „archaischen“ Formen beschäftigt, kann man zu individuelleren und noch freieren Thematiken übergehen – ob choralgebunden oder choralfrei. Ein weiteres umfangreiches Gebiet für das fortgeschrittene Stadium sind Improvisationen über Texte, Gedichte, Psalmen, Stummfilme, Bilder/Dias etc. Übrigens eignen sich auch Klavier- und Cembalowerke in gewisser Hinsicht vortrefflich als Inspirationsquellen für Improvisationen. Im fortgeschrittenen Stadium kann auch das Hören von Kammer- und Orchestermusik Ideen vermitteln. „Improvisation und Papier ?“ Notierte Anhaltspunkte können, vor allem in frühen Lernstadien, eine wichtige Hilfestellung für Improvisationen darstellen. Mit dem Notieren von Plänen muss dennoch in jedem Stadium vorsichtig umgegangen werden. Je mehr eine Improvisation auskomponiert ist – hierin liegt eigentlich schon an sich ein Paradoxon – desto weniger Freiraum lässt das Notierte zum „wirklichen“ Improvisieren. Es ist daher ratsam, eher gewisse Gerüste und/oder Verlaufspläne, gewisse Stützen, etwa auch ein Fugen- oder Ritornellthema oder eine skizzierte Figur (für eine Toccata) zu notieren, an die man sich auf der einen Seite halten kann und die dem Improvisierenden auf der anderen Seite genügend Spielraum lassen. Eine Fuge kann demgegenüber einen schriftlich fixierten ungefähren Tonarten- und Einsatzverlaufplan erhalten; etwas anderes ist das Notieren von ungefähren Verläufen einer größeren, bspw. symphonischen Form unter Einbezug der Registrierungen. Bei besonders großen Instrumenten und groß angelegten Improvisationen mit viel Klangfarbenwechsel können die geplanten Registrierungen selbstverständlich, mit Manual- und Pedalangaben versehen, eine wichtige Stütze sein. Insgesamt allerdings sollte man, was die Musik selbst betrifft, mit etwas ausführlicherer Notation beginnen und dann, je nach Stadium, diese nach und nach „abspecken“ und mit weniger Notiertem auskommen. Registrierung Die Registrierung von Improvisationen wurde im obigen Abschnitt schon angesprochen; auf sie sollte beim Improvisieren das gleiche sorgfältige Augen-, oder, besser gesagt, „Ohrenmerk“ verwendet werden wie beim Registrieren von Literaturstücken. Leider wird das Registrieren bei Improvisationen dann und wann stiefmütterlich behandelt und vernachlässigt. Stil kopierende Improvisationen sollten entsprechend stilimmanent registriert werden; größere, freiere, experimentellere Formen sollten, vor allem beim Vorhandensein einer Setzeranlage, entsprechend mehr bunt und facettenreich registriert werden. Überhaupt eignet sich das Improvisieren in besonderer Weise dazu, vor allem Orgeln, die ein ganz eigenes klangliches Profil besitzen, mit all ihren Besonderheiten und Farbkombinationsmöglichkeiten darzustellen. Interpretation Auch hier gilt es, eine Parallele zum Literaturspiel einzuhalten. Auch beim Improvisieren klingt es viel überzeugender, wenn man mit einem gesunden, immer dem jeweiligen Instrument im jeweiligen Raum entgegenkommenden Maß von Agogik, Artikulation und Elastizität musiziert ! Eintönige, leblose, nüchterne, gleichförmige Spielweise kann einer ansonsten als gelungen zu bezeichnenden Improvisation ebenso viel an Überzeugungskraft und Qualität mindern als eine allzu stereotype Registrierung. Bewusstsein und Konzentration Beim Spielen von Orgelliteratur ist vom ersten bis zum letzten Ton immer ein gesundes Maß an Konzentration sowie ein gesunder, auf die Stücke bezogener Wechsel von An- und Entspannung vonnöten sowie ein waches Bewusstsein für die technischen, geistigen, musikalischen und künstlerischen Anforderungen. Dies ist beim Improvisieren in noch überhöhtem Maße geboten; besonders die Wachsamkeit und das ganz bewusste Ausmusizieren eines jeden Akkordes / Klanges / Tones sind hierbei noch wichtiger als beim Literaturspiel, weil man sich beim Literaturspiel dann und wann immer wieder einmal dabei ertappt, besonders sicher einstudierte Stellen zwar in keiner Weise nachlässig und mechanisch, so doch aber mit etwas entspannterem Geist ausführt. Da dies beim „Musizieren aus dem Augenblick heraus“ höchstens zum Spielen klischeehafter, wirklich auswendig gelernter Formeln führen würde, ist, wie gesagt, ein gesteigertes Bewusstsein für jeden Moment, eine besondere Wachsamkeit und schnelles Denken, Entscheiden, rasche analytische Aufnahme seiner eigenen Ideen, vonnöten. Möglicher Inhalt einer Unterrichtsstunde im Fach Orgelimprovisation Aus der Erfahrung des Verfassers heraus ist es günstig, eine Unterrichtsstunde im Fach Orgelimprovisation - dreizuteilen, wobei die drei Teile niemals gleich lang sind; begonnen mit einer „Pflichtübung“: Liedbegleitung in verschiedenen Satztechniken, Stilistiken und möglicherweise auch verschiedenen (transponierten) Tonarten als erster Teil, ca. 15% der gesamten Einheit, gefolgt von der Beschäftigung mit einer Choralbearbeitung (oder –partita oder auch Choralvariationen oder -phantasie) über das jeweilige Lied (diese immer in einem wechselnden Stil (über die Wochen verteilt): barock, altfranzösisch, „klassisch“, früh-, hoch- und spätromantisch, neobarock, neoklassizistisch, „symphonisch“ – als „Partita“ etwa barock / altfranzösisch und/oder gemäßigt modern mit bspw. der Satzfolge „Choral – Bicinium – Trio – Cantus coloratus – Fughette“ oder „Plein Chant – Fugue à 5 (sehr schwer) – Duo – Trio – Basse de Trompette (schwer) – Récit de Nazard (Tierce)(Voix humaine) – Dialogue sur les Grands Jeux“; dieser mittlere Teil könnte ca. 25-30% der Unterrichtseinheit ausmachen, während sich im Schlussteil von den „Ketten“ der Choräle befreit werden kann: Sonate oder Symphonie (einzelne Sätze), Charakterstück, Fuge (ausführlich), Passacaglia/Chaconne, Variationen, Text- oder Bildparaphrase, eigene Ideen. Dies ist zweifelsohne eine Idealvorstellung, die (dankenswerterweise) auch dann und wann erreicht werden kann, oft aber – je nach Begabung und Möglichkeit/Willen/Motivation der intensiven Beschäftigung und des Zeitaufwandes des/der jeweiligen Studierenden – ist es vonnöten, den beiden ersten vorgeschlagenen „Choral“-Teilen einer Unterrichtseinheit mehr zeitliche Ausdehnung einzuräumen und manchmal gar auf den freien dritten Teil verzichten zu müssen – vor allem in frühreren Lernphasen. Der dritte Teil kann und sollte aber bereits in frühen Lernstadien gleich mit eingebunden werden, z.B. mit nur EINER zu improvisierenden Stimme (Mut zur Einstimmigkeit beim Improvisieren !) bei wechselnder Klangfarbe, um in aufs wesentliche reduzierter Art und Weise von Beginn an buchstäblich „Spiel-Raum“ für eigene Kreativität zu lassen und dazu noch besonders zu ermutigen. Literaturempfehlungen: Gaar, Rainer – Orgelimprovisation (Carus Verlag) Wagner, Peter – Orgelimprovisation mit Pfiff (2 Bde., Strube Verlag) Haselböck, Hans – Vom Glanz und Elend der Orgel – ein Lesebuch (Atlantis Musikbuch) (die genauen Angaben sowie weitere Empfehlungen folgen) Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. (C) 2005 Gereon Krahforst
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